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K(l)eine Entsorgung der Geschichte

Am Mittwoch hatte sich im Nachbarschaftshaus mal wieder die Teute-StadtgeschichteN-Gruppe getroffen. Sie ist ganz wild darauf,einen Kiez-Wandkalender zu gestalten,mit Fotos und Geschichten aus verschiedenen Epochen unseres kleinen Viertels. Auch wenn es wohl erst ein Kalender fürs Jahr 2011 werden wird,werden nun schon fleißig historische Fotos gesammelt. Wer also zu Hause oder auf dem Speicher noch Zeugnisse der Teuteburger Kiezgeschichte herumzuliegen hat,kann die Gruppe durch Hinweise in große Glücksgefühle versetzen.

Letzte Brauerei-Mauer abgerissen

Woanders im Kiez geht man allerdings nicht so pfleglich mit historischen Zeugnissen um. Heute wurden die letzten baulichen Hinterlassenschaften der Gabriel &Jäger Weißbierbrauerei an der Zehdenicker und Choriner Straße abgerissen. Das Berliner Adressbuch verzeichnete jedenfalls von 1875 bis 1913 eine Brauerei diesen Namens auf dem Grundstück,zeitweise gab es zusätzlich in der Choriner Str. 79/80 einen Bierausschank der Brauerei.

Die letzten Reste der alten Klinker-Industriearchitektur,von der das gesamte alte Brauereigelände einmal geprägt gewesen sein muss,sind nun also hin,um Platz zu machen für die Choriner Höfe der Immobilienentwickler Diamona&Harnisch,die mit der Lychener 53 auch im Helmholtzkiez bauen,und sonst in Steglitz („Fichtenberg Carré“) und Tiergarten („Diplomatenpark“).

Ab 2.600 €/m² soll man bei den Eigentumswohnungen in den Choriner Höfen dabei sein können. Die Preise der noch angebotenen Wohnungen gehen aber bis auf 5.600 €/qm hinauf,der durchschnittliche Quadratmeter kostet fast 4.000 €. So dürfen im Endeffekt Preise von bis auf weit über eine Million Euro (für die größte Dachgeschosswohnung) hingeblättert werden.

70% der Choriner Höfe noch zu haben

Interessantes stellt sich beim Sichten der Marketingseite im Internet,die alle Grundrisse der zu verkaufenen Wohnungen bereit hält,heraus:Erst 30% der Wohnungen sind verkauft. Und selbst bei den Gebäuden des ersten Bauabschnitts,der zur Zeit so manchen Nachbarn zur Weißglut treibt,sind es gerade mal 40%. Und das bei nunmehr 19 Monaten der Vermarktung!

Alles in allem klingen die Choriner Höfe nach einem recht waghalsigen Unternehmen,denn seit der  Berliner Immobilienkrise der späten 90er Jahre gilt eigentlich die Faustregel,ein Bauvorhaben erst bei 50% Auslastung zu beginnen. Darunter waren viele Banken nicht bereit,das nötige Geld für den Bau bereit zu stellen. Angesichts der Bankenkrise war davon ausgegangen worden,dass diese Schwellenzahl auf 60% oder 70% gestiegen sein dürfte.

Es bleibt also spannend,wie sich die Choriner Höfe am Markt schlagen werden. Und wieviele Jahre lang die Käufer/innen,die nach Fertigstellung des ersten Bauabschnitts einziehen,noch den Baulärm weiterer,möglicherweise schleppend vorankommender,Abschnitte direkt vor der Tür bzw. dem Fenster haben werden.

The Show must go on…

UPDATE:

„Nirgendwo sonst in Berlin brummt der Neubau von Eigentumswohnungen so wie in den östlichen Berliner Stadtteilen Mitte,Prenzlauer Berg und Friedrichshain. Dort sollen einer Studie von BulwienGesa zufolge bis Ende 2011 fast 1.700 neue Einheiten gebaut werden. Das sind 37% mehr,als noch vor einem Jahr in der Pipeline waren. Ob sich diese große Zahl von Wohnungen tatsächlich auch vermarkten lässt,erscheint allerdings fraglich.“

aus:Immobilienzeitung 22.10.09:Die Projektpipeline ist übervoll

2 Kommentare zu K(l)eine Entsorgung der Geschichte

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